Europe-Afrika Rodeo 2021

Fuck, wo soll man anfangen, wenn man einen Monat auf Motorrad-Tour in Nordafrika war? – nicht ganz einfach zu beantworten. Am liebsten würde ich DICH entscheiden lassen. Ja genau, damit ich nicht deine Zeit mit den üblichen Reisegeschichten verschwende, sondern du dir raussuchen kannst, was du am liebsten lesen möchtest.

Ich teile die Geschichte in verschiedene Erlebnisse, die unter ‘besonders wertvoll’ als Kopfrente abgespeichert wurden.
Wir sehen uns dann weiter unten, zu deinen Lieblingsgeschichten…

Das DAKAR-Strand-Disaster!

Der DAKAR-Strand heisst in Wahrheit “Plage Blanche” und ist legendär für alle Rallye-Bekloppten wie uns, da hier ein klassischer Startplatz des ersten Paris-Dakar Kapitels war. 

30km am Strand entlang ballern und man muss sich dieses feine Fleckchen Erde nur mit ein paar Möwen und gelegentlich ein paar Fischern teilen. Einfach genial. 
Also meine Definition von Glück auf dem Bike kommt diesem Platz schon sehr nahe. Du kannst dir einfach die Sandtiefe suchen, die dir am meisten Spaß macht und driften und Gas geben und driften und durchs Wasser heizen und wenn du es noch nicht kannst, dann kann man hier auch sehr gut driften üben. Geil war natürlich, dass wir auf unseren alten Kisten die Zeitreise perfekt gemacht haben – wo man hinschaute, sah man genau die Bikes, die in den Achtzigern bei der Dakar am Strand, ähm Start waren. 
Ich meine, am Ende waren wir 21 Bikes, die über den Strand gebrettert sind. Von XT500 über die alten GS bis zu TT’s , XT600Z 1VJ bis 3AJ und diversen DR650, 350 und Marco’s 2-fuffzisch. Soweit so perfekt war dieser Tag – ich sah die Tschechen an mir vorbei heizen und bin mir sicher, dass ich das breite Grinsen unter den Helmen sehen konnte. Parallel versuchten ein paar unserer Autos auf den Strand runter zu kommen. Wer dabei war, lacht sich immer noch schlapp, denn es handelte sich ja nicht um 4×4 Fahrzeuge, oder wenigstens höher gelegte KFZ, nein, es waren ganz normale T4 Busse, alte 123er Mercedes-Benz oder Fiat Panda (nein, kein Allrad!). Aber dass uns das alles egal war, hat die Reise auch so einzigartig gemacht. Wir haben also vom Strand aus gestaunt, als die Belgier mit T4 Pritschenwagen Vollgas gegeben haben und runter zum Wasser sind. Erst Steine, dann Tiefsand, dann noch mehr Gas geben und anstatt sich auf den festen Sand in Richtung Wasser zu retten, drehten die Jungs um und… fahren sich fest.
Oh Mann. Ich wette, es gab als Erstes ein paar Witze über das schwere Bier auf der Ladefläche, bevor sich ne Menge Leute zum Schieben versammelt haben. Wenn man die Anzahl der Leute nur hoch genug hält, kann man auch so ein Fahrzeug mal eben durch den Tiefsand rausschieben. Teamwork wird einzelne Fahrzeuge noch öfter vor dem Totalausfall retten. Zur Erinnerung: heute ist erst Tag 2 der offiziellen Rallye.

Irgendwann fiel mir auf, dass Enrico und Tom nicht da waren. Hatte sie vor längerer Zeit gesehen und da gabs Probleme mit Enrico’s XT600Z Ténéré – hab mir nichts dabei gedacht, denn in der Regel ist eine Panne beim Schraubergott selbst nichts, worüber sich der Pöbel Gedanken machen müsste. Das es wohl etwas ernster ist, merkte ich, als der Support-Land Rover mit der blauen Yamaha im Schlepptau an mir vorbei bretterte. Fuck.
Ich fuhr weiter und entdeckte eine größere Gruppe am Strand. Je näher ich kam, desto sicherer war ich, dass auch hier was nicht stimmte, denn neben Marios XT500 war schon das Werkzeug ausgebreitet und seine Frau Martina machte ebenfalls ein Abschleppseil klar. “Die Zündung!” schrie mir Mario entgegen. Viel Puste war nicht mehr vorhanden in dem weltreisenden Österreicher – das meiste hatte wohl die XT500 beim Ankicken absorbiert. Auch hier kein Notfall, denn Mario kennt die XT’s auswendig. Falls er mal nicht weiter weiss, hat er ne Standleitung zu Schwiegervatter und seinem XT-Spezi in Neuseeland (!). Danke Internet und WhatsApp, aber dazu später mehr…

Ich fuhr nach diesem kurzen Stop weiter, denn es waren bestimmt nochmal 15km bis zur Ausfahrt vom Strand. 

Überholt vom Abschleppwagen bei 100 KM/H

Wheels & Waves, Africa-Edition

Aufgewacht auf Tattooine

Wir sammelten uns alle auf Höhe der Ausfahrt. Hier ging es in ein Flussbett, das zu einer Dünenlandschaft führte. Auf einer dieser Sandberge befand sich der einzige Ausgang des Dakar-Strandes. Tom und Nadine sind vorgefahren, um zu checken, ob diese Strecke für alle fahrbar ist. Schliesslich war ein Dreivierteljahr vergangen seit dem letzten Scouting von diesem anspruchsvollen Tiefsandabschnitt.

Circa 15 Fahrer warteten also ungeduldig darauf, daß endlich das Go kommt und wir in die Dünen fahren dürfen. Endlich wie die Großen durch die Dünen zur nächsten Etappe!
Unsere beiden Scouts haben in der Zwischenzeit eine viel anspruchsvollere Sandstrecke vorgefunden, als erwartet. Nadine hat es gerade so mit ihrer leichten DR350 und ihren heftigen Skills geschafft hochzukommen. Tom ist mit seiner XT600Z ebenfalls oben angekommen, aber es war klar, daß der motivierte Haufen Instagram Enduristen dort oben hoffnungslos überfordert wäre.

Was sie zu dem Zeitpunkt nicht wissen konnten: Teile von unserer Chaostruppe haben auf eigene Faust entschieden, hinter ihnen herzufahren. “So schlimm kann es ja nicht werden, denn sonst hätte man ja schon was gehört” – Kurze Zeit später folgte dann sogar die Gruppe mit den Großenduros und den ganz kleinen Skills auf Sand. Was soll man da noch sagen? Gruppendynamik orientierte sich in Richtung Wahnsinn, anstatt mal eben 5 Minuten den Gasgriff in Ruhe zu lassen.
Als ich sah, das die Ersten nach 100m schon Probleme hatten, bin ich hinterher (Enrico sogar zu Fuss), um zu helfen. Das Flussbett war circa 800m lang und anspruchsvoll. Nur wenn man eine eigene Strecke ohne Spurrillen gefunden hatte, war es easy zu schaffen. Wenn man allerdings kaum Erfahrung auf Sand hat und die Bereifung inkl. Fahrer nicht vorbereitet sind, dann war es zu heftig. Direkt die erste Kupplung schrott und gestandene Männer am Rande der Verzweiflung. Als ich mich dann weiter zur Auffahrt vorgekämpft hatte, standen die ersten Bikes am Hang, Gepäck wurde abgeschnallt und endlich mal Luft abgelassen. Nadine hat versucht, einen Fahrer hochzuschieben, der wahrscheinlich doppelt so schwer war wie sie. Hoffnungslos. Als der Weg etwas freier wurde, nahm ich eine große Linkskurve und beschleunigte in Richtung Auffahrt. Fuck, ich war bereits so dermassen durchgeschwitzt von der Anfahrt bis hierher und jetzt floß mir der Schweiß sogar durch die Brauen direkt ins Auge. Top. Egal. Gashahn auf und gib ihm!
Die GS ist eh schon ein Eisenklotz und mit den ganzen Taschen und den Backsteinen darin war ich weit entfernt davon, grazil den Hügel hinauf zu zirkeln. Stattdessen pflügte ich das Hinterrad mit Sandfontäne auf diese Scheißdüne. 2.Gang. Und wieder Gas! Fitti-Taktik – bis zur ersten Kurve kam ich relativ straight. Kurz über mich selbst gefreut und verrissen. Ich Idiot. Nicht anhalten, Mann. Fahr weiter und weg von den Spurrillen! Konnte mich kaum noch konzentrieren, denn vor mir liefen Leute rum, überall standen Bikes und lagen Taschen. Die einen fluchen, die anderen machten Pause und glotzen den nächsten Trottel an, der versuchte diesen Treibsandberg zu erklimmen. 

Ich schaffte es gerade so bis zur Ebene in der Mitte. Halbzeit und Endstation für alle! Es war klar, dass wir hier nur mit Hilfe des Land Rovers hochkommen werden, wenn überhaupt. Die schweren Bikes wahrscheinlich gar nicht und dann spielt ja auch noch die Fitness und fahrerisches Können eine Rolle. (Einen Hammer Bericht zu der Situation auf der Düne, gibt es von Tom Backroadclub).
Nach kurzer Besprechung haben wir beschlossen, uns zu trennen. Alle die am Berg festgefahren sind, werden irgendwie hoch gebracht bis morgen. Alle anderen sammelte ich mit Enrico und Marco ein, um den Rückweg anzutreten. Entweder finden wir einen neuen Ausgang auf den 30km zurück, oder wir müssen den kompletten Weg zurück zum Start bzw. Eingang von heute mittag.

Wo das Problem dabei ist? Na ja, langsam fing es an zu dämmern und noch wichtiger: Die Flut kommt und schneidet uns den Weg ab, wenn wir zu lange am Strand bleiben.

Hätte ich gewusst, was ab jetzt noch alles passiert mit mir und vor allem meinem Bike, wäre ich nicht zurück gefahren. Es schien so einfach und klug, allerdings kam auf dieser Reise wirklich vieles anders als ich es erwartet habe.
“Erwarte alles, ausser Urlaub!” stand da im Roadbook. Wenn man auf der warmen Fähre sitzt und das liest, dann nimmt man es nicht ernst. Wenn man aber vor dem Wasser abhaut und mit 70 Sachen ein Bike abschleppen muss und es langsam immer dunkler wird, dann verflucht man den Backroadclub dafür, dass man genau das bekommt, was man gebucht hat – ein krasses Abenteuer!

Neben uns beiden sind noch Daniel auf der 660er Ténéré und Robert auf seiner Wüsten-Transalp am Start. Marco hat mit seiner DR250 das leichteste Bike und die meisten Offroad-Skills – perfekt, denn wir brauchen einen Guide, der nach einem neuen Ausgang Ausschau hält. Zum Abschleppen müssen wir in Wassernähe bleiben, weil dort der Sand am härtesten ist. So kacheln wir den Strand entlang. Nix mehr Dakar-Romantik, nur noch Ankommen ist die Mission. Hatte ich erwähnt, dass wir keinen Empfang haben da unten und dass unser Sprit garantiert nicht bis zur nächsten Tanke reicht, wenn wir wirklich bis zum Start zurück müssen? Wie Daniel sagen würde: “Krank!”

Wir passieren ein paar Fischer-Baracken und halten nach Lücken in den Dünen Ausschau – das Problem ist einfach, dass die Sandfläche so breit ist, dass man eine potentielle Straße gar nicht mehr sehen kann. Ausserdem wird es immer dunkler. 
Dann sehen wir in der Ferne ein Auto vor der Düne. Kein Jeep, kein 4×4, kein krasses Fahrzeug, sondern ein gewöhnlicher Kleinwagen. Wir müssen da hin! Wenn so ein kleiner Straßenwagen bis hier runter gekommen ist, muss es einen Weg geben. Marco musste Scouten fahren, wir sind am Beach geblieben und beratschlagen, wie wir mit Abschleppseil über den tiefen Sand kommen. Daniel und Robert nehmen Anlauf und ballern einfach durch bis zu dem kleinen Weg. Enrico knotet das Seil an meine GS und das andere Ende wird so fest auf die Raste getreten, das es die Zugkraft aushält, ohne abzufliegen. Ich gebe Gas und… das Abschleppseil fliegt durch die Luft. Verdammt. Wir probieren es noch öfter und haben irgendwann eine “Technik” gefunden, die uns bis zum Weg bringt. Ab jetzt wird es nur noch geiler, denn unsere Telefone haben wieder Netz. Fast alle Standorte sind geteilt und das Unfassbare ist: ein paar Signale sind nur ca. 2km von uns entfernt. Kann das sein? Hier im Nirgendwo zwischen Todesdüne und Dakarstartlinie? Die drei Bikes fahren voraus und suchen den besten Weg für die Abschlepper. Klappt ganz gut. Wir sind zwar nicht schnell, aber pflügen im ersten Gang durch jedes Sandfeld, das vor uns erscheint. Anhalten können wir eh nicht, noch nicht mal bremsen, denn sobald das Abschleppseil nicht gespannt ist, droht das Seil durch erneutes Anfahren unhaltbar zu werden.

So gehts noch ziemlich lange weiter, denn die 2km vom Navi waren Luftlinie! Irgendwann wird der Weg zu einer kleinen Schotterstraße, irgendwann geht diese Schotterstraße etwas bergauf. Auf Google Maps waren nun mehrere Punkte zu sehen – verdammt, da waren mindestens 3 oder 4 Fahrzeuge vor uns irgendwo!
Mein erster Gang zog uns beide konsequent den Berg rauf, die Maschine schnurrte wie immer. Am Horizont waren Lichtstreifen zu sehen. Kein Scheiß, die Jungs haben uns nen Leuchtturm gebaut. Die standen auf dem Dach vom T4 und haben mit zig Taschenlampen in den Himmel geleuchtet, um uns den Weg zu weisen. Und verdammt nochmal, das funktionierte 1a! Es ist so stockfinster, wenn man so fernab jeglicher Städte ist, dass wir das Lager sonst nur schwer gefunden hätten. Noch 200m, wir hören die Verrückten schon jubeln und ich hupe wie bekloppt und grinse vor Erleichterung. In diesem Moment kann ich kein Gas mehr geben. Ist der Gang rausgeflogen? Egal. Ich starte neu, wir rollen noch… nichts geht. Pötzlich merke ich wie still es ist hier draussen, wenn das vertraute Wummern von meinem Bike nicht mehr zu hören ist.
Wir springen beide von den Bikes, Leerlauf rein, Fernlicht an und die letzten Meter schieben wir zur schönsten Pannenoase, die wir uns vorstellen können.

Alter, war die Begrüßung geil! Weder wir Motorradfahrer noch die Autoboys konnten glauben, dass wir uns hier im Nichts treffen, denn Sie sind auch nur rein zufällig wegen einer Panne an diesem Ort gestrandet. Die Belgier versorgen uns erstmal mit (kaltem) Bier und wir tauschen Geschichten aus über die jeweilige Odyssee.

Später bekommen wir noch feinstes Essen und ich ein Zelt, denn wir haben nichts dabei heute. Danke Jungs! Enrico repariert noch sein Bike, bevor er schlafen geht – ich lasse meins abkühlen, denn es ist so dermassen heiss geworden, dass ich es morgen erst anschmeissen will.

Spoiler: Mein Bike ist richtig im Arsch! Der Traum meiner ersten Afrika-Rallye scheint genau das zu bleiben… mehr dazu gibt es im Blog von SWT-Sports!

Danke:

Ab hier begann meine persönliche Odyssee in der Odyssee! Ohne die Hilfe von vielen Leuten hätte ich am folgenden Tag die Rallye verlassen müssen, um mein Bike irgendwie repariert zu kriegen oder den Rücktransport zu organisieren. 
Stattdessen haben mich die Belgier auf ihrem Pritschenwagen mitgenommen, Herz und Degen Consulting haben das Bike durchgetestet, Paul hat mir sein Zelt geliehen und Marvin hat uns mit Essen versorgt. Enrico hat so viel Zeit in die Reparatur gesteckt, das er ab jetzt zu allem zu spät kam 😉 Danke Jungs!

Mit dem Backroad Club nach Afrika:

Ich war mir auch unsicher, ob ich so einen Quatsch wirklich machen soll. Es gibt schliesslich immer mehr Gründe GEGEN etwas als dafür. Da man aber nur die Dinge bereut, die man nicht gemacht hat, würde ich es an deiner Stelle einfach mal durchziehen. 

Wir freuen uns auf ein neues HASELRODEO Zeltlager, um gemeinsam im Dreck zu spielen!

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